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[ << | Inhalt | >> ]Ausgabe #202 vom 26.06.2000
Rubrik Feature

Ernst Jandl "Spruch mit kurzem o? Ssso!"

Der Poet Ernst Jandl ist tot. Er starb am 9. Juni 2000 an Herzversagen in seiner Heimatstadt Wien. "Wie ein Heiliger" (Jazzthetik 5/1996) betrat er in seinen letzten Jahren – leider nur noch höchst selten – die Bühne, um mit grantiger Perfektion seine Sprach- und Sprechgedichte vorzutragen. Zwischen berstendem Witz und rührender Tiefe tendierten seine stets kurzen, experimentellen Gedichte, mit denen er deutschsprachige Lyrik nach dem 2. Weltkrieg möglich und vor allem: relevant machte.
Der am 1. August 1925 als Sohn eines Bankbeamten geborene Jandl lernte als deutscher Wehrmachtssoldat in amerikanischer Gefangenschaft mit penibel geführtem Vokabelheft Englisch. Nach seiner Rückkehr studierte er Deutsch und seine neu gelernte Sprache in Wien. Zunächst arbeitete Jandl als Gymnasiallehrer, was ihn überaus quälte. Und das nicht zuletzt, weil er bis zu seinem Tode unter heftigsten Depressionen litt. Erst Ende der 1960er Jahre sollte er es sich leisten können, ohne diesen Brotjob auszukommen. Denn seine seit den späten 1950er Jahren veröffentlichten experimentellen Gedichte, inspiriert von amerikanischen Poeten, brachten in den ersten Jahren weniger Geld als vielmehr ablehnendes Naserümpfen mit sich.
Mitte der 1970er aber stieg Grantl-Jandl auf zum intellektuellen Kult-Objekt: Seine Gedichtbändchen "laut und luise" (1966) und seine "sprechblasen" (1968) mag so mancher noch aus seiner Schulzeit als gelbe reclam-Heftchen besitzen. Etwa in diese Zeit fallen auch Ernst Jandls Poetry&Jazz-Projekte, die er mit Dieter Glawischnig startete. Die Zusammenarbeit gipfelte in der 1995 veröffentlichten Doppel-CD "laut und luise/aus der kürze des lebens" (Hit Hat Records), wo die NDR Big Band Jandls Grantigkeit eine zauberhafte Jazzwelt entgegensetzt. Sein Hörspiel "Fünf Mann Menschen" läutete Ende der 1960er Jahre das sogenannte Neue Hörspiel ein. Das knapp 15minütige, deprimierend-heftige Hörstück ist einer der vielen Höhepunkte von Jandls Zusammenarbeit mit seiner Lebensliebe Friederike Mayröcker, obschon beide über all die Jahrzehnte ihre getrennten Wohnungen in Wien nie aufgaben. Wer den präzisen Rezitator Jandl pur genießen möchte, der sollte sich die grandiose Live-Aufnahme "Eile mit Feile" (DerHörVerlag, 1995) anhören, ein Mitschnitt einer Lesung vom 7. März 1995 in Oldenburg ist.
Jandls Interesse galt in letzter Zeit den Aachener Avantgarde-Jazzern Art de Fakt. Er "liebte" deren Produktionen mit dem amerikanischen Dichter Ray Federman. Ray Federman umgekehrt sieht, wie er mir sagte, "eine Seelenverwandtschaft" zwischen seiner Art zu dichten und derjenigen Jandls. "Ein angedachtes Projekt Ernst Jandl & Art de Fakt kann leider nicht mehr realisiert werden", bedauert Urban Elsässer (Band-Leader von Art de Fakt), den Ernst Jandl hin und wieder anrief. "Zuerst wunderte ich mich, was für ein Griesgram da am Telefon unsere Musik lobte!", so Elsässer über Jandls ersten Anruf vor drei Jahren.
Ich traf Ernst Jandl am 21. März 1996 zu einem – bislang unveröffentlichten – Interview in Wien. Seinen Auftritt im Rahmen des Literaturfestivals "Word up!" hatte er gerade vor 500 Zuhörern schwungvoll beendet, da war er auch schon gesprächsbereit.

Volker Wilde: Herr Jandl, was ist nach all den Jahrzehnten der intensiven Beschäftigung mit Sprache heute Ihr Verhältnis zur Sprache?
Ernst Jandl: Nein, es ist kein anderes als es jemals war. Nur, das eine ist die Verwendung der Sprache im Alltag, da unterscheide ich mich ja kaum von anderen Leuten. Das zweite ist der Versuch, Sprache für Kunst aus Sprache zu machen. Das sind zwei doch sehr verschiedene Dinge.

Volker Wilde: Gab es da nicht große Veränderungen in ihrer Kunstsprache? Der "Gelbe Hund", beispielsweise, ist in seiner Sprachbehandlung milder als viele andere Gedichtbände, die Sie zuvor verfasst haben.
Ernst Jandl: (zieht an seiner Pfeife) Hmhm. Ja. Es ist auf jeden Fall so, dass, wenn man Sprache für Kunstzwecke verwendet, dass man da doch verschiedene Sachen im Laufe der Jahre ausprobiert, erprobt, dass man nicht bei einer Sache stehenbleibt. Es sei denn, Sie schreiben in der Umgangssprache, was ja zum Beispiel bei Romanen der Fall ist, und da wird man sich wahrscheinlich nicht in dem Maße herausgefordert sehen, mit Sprache, wenn Sie so wollen, zu experimentieren, wie das in der Poesie der Fall ist.

Volker Wilde: Gibt es für Sie eine absehbare Bewegungsrichtung von der Kunstsprache weg zur Umgangssprache hin oder ist das für Sie ausgeschlossen?
Ernst Jandl: Nein, es geht hin und her. Wenn man sich einmal weit vorgewagt hat in ein Gebiet der Kunstsprache, das von der Alltagssprache weit ab gelegen ist, weit entfernt ist von der Alltagssprache, werden Sie das Verlangen spüren, wieder einmal zur Alltagssprache oder in die Nähe der Alltagssprache zurückzukehren, um sich neu aufzutanken.

Volker Wilde: Was hat Sie dazu gebracht gerade mit Jazzern zusammen zu arbeiten?
Ernst Jandl: Ich habe den ersten Jazz schon gehört in einer Zeit, wo es bei uns kaum Jazz zu hören gab. Radio und so weiter – Jazz war ja nun mal verpönt, und er hat schon einen sehr großen Reiz auf mich gehabt: Die musikalischen Farben, wie die Instrumente verwendet werden, weg vom Klassischen. Weg von der idealen klassischen Art der Instrumentenbehandlung. Ein individueller... das Erreichenwollen eines individuellen Tones. Die großen Jazzmusiker haben ja alle ihren individuellen Stil gehabt, und auch ihren eigenen Ton, Klang und so. Und das hat mich sehr fasziniert. Der Rhythmus, der Drive.

Volker Wilde: Längst bevor Sie mit Jazzern zusammengearbeitet haben, versuchten Sie, allein in der Sprache diesen Drive zu spiegeln oder umzusetzen. Inwiefern ist das möglich?
Ernst Jandl: Dass ich in meinen Sprechgedichten einen Beat, eine gewisse Art Beat verwendet habe, das ist mir klar. Und dass das Lautgedicht starke musikalische Elemente hat, ist auch klar. Und Lyrik überhaupt arbeitet mit dem, was an der Sprache das Musikalische ist, nicht? Die Klänge! Die Sprache hat ja auch Klänge, hat ja auch musikalische Elemente. Natürlich, die Folge wie
Hunununununununde
bellellellellellell-e
das hat an und für sich etwas Musikalisches an sich. Im Rhythmus, aber vielleicht auch in der Klang-, in der gleichbleibenden Tonhöhe und so weiter. Und dass der Musiker, der mich sprechen hört, unter Umständen eine Lust hat, mit mir etwas zu machen, mir das einmal vorschlägt, was zu machen und so ist es ja auch gekommen, dass Musiker Lesungen von mir gehört haben, gesagt haben, das wär' doch wunderbar, wenn wir das einmal probieren würden, das mit Musik zu kombinieren. Und so hat es begonnen.

Volker Wilde: An sich habe ich gehört, war Ihr Auftritt heute hier eher eine Art Ausnahme. Sie haben sich mehr oder weniger, so hat man mir gesagt, noch mal überreden lassen, aufzutreten.
Ernst Jandl: Das würde ich nicht sagen. Ich wollte jetzt einmal eine zeitlang nicht auftreten und mich nur dem Schreiben widmen.

Volker Wilde: Woran arbeiten Sie im Moment?
Ernst Jandl: Das kann ich Ihnen nur schwer verraten. Nur wenn ich an Gedichten arbeite, dann versuche ich, ein Gedicht doch in einem durchzuziehen. Ein Gedicht, es sind ja meistens kürzere Gedichte, das in einem durchzuziehen. Ich bin noch immer beschäftigt mit so Dialektgedichten, wie ich sie in den Stanzen da am Schluss [der Lesung kurz zuvor] gehabt habe. Und dann hat mir ein Musiker, den ich kenne, der ist ein Organist, der ist sehr gut und der möchte gerne einen Text, einen deutschen Text für eine Messe haben. Bin ich nicht sicher, ob ich das machen kann.

Volker Wilde: Herr Jandl, vielen Dank für das Gespräch.
Ernst Jandl: Alles Gute. [vw]


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