Hinweis: Ihr Browser unterstützt nicht alle grundlegenden Web-Standards, und deshalb sehen Sie diesen Hinweis und das Layout nur in Auszügen. Bitte verwenden Sie einen aktuelleren Browser.

Keine Anzeige
LogoSeit 1996: Aktuell und unabhängig!

[ << | Inhalt ]Ausgabe #443 vom 04.07.2005
Rubrik Feature

Elvis Costello im Interview, Teil 2

[Fortsetzung von Elvis Costello im Interview, Teil 1]
[pg]: Im Juli vergangenen Jahres haben sie an drei aufeinander folgenden Abenden im New Yorker Lincoln Center Konzerte mit dem niederländischen Metropole Orkest, den Brooklyn Philharmonics und ihrer Rockband 'The Imposters' gespielt. Ist es nicht schwer, so schnell zwischen vollkommen andersartigen Projekten umzuschalten?

Elvis Costello: Nicht wirklich. Ich gebe ihnen ein Beispiel: Ich hatte den Auftrag, ein Stück anlässlich Hans Christian Andersens 200. Geburtstag für die dänische Oper zu schreiben. Ich entschloss mich, nicht ein Stück über eines seiner Märchen zu komponieren, sondern etwas über Andersen selber zu schreiben, über sein Leben, über ein Element seines Lebens, das mich interessierte. Ich habe ein dreieinhalbtausend Worte umfassendes Libretto geschrieben, jetzt bin ich gerade dabei, die Musik zu komponieren. Wenn wir unser Gespräch beendet haben, werde ich weiter komponieren. Und gleichzeitig kann ich auf einer Rock'n'Roll-Tour sein. Leicht ist das nicht, das kann ich mir nicht vormachen. Jede Sache erfordert eine andere Art von Vorstellungsvermögen. Es ist nicht einfach, diese Musik für ein Kammerorchester zu komponieren und jede Nacht noch zweieinhalb Stunden mit der Band zu spielen. Aber es ist das Leben, das ich mir ausgesucht habe. Ich habe das Album "North" Backstage, in Garderoben oder um drei Uhr morgens in einem Hotelzimmer geschrieben, als ich mit dem Album "When I Was Cruel" auf Tour war.

[pg]: Leiden sie nie unter kreativem Stillstand oder Schreibblockade?

Elvis Costello: Es ist nicht so lange her, da habe ich erzählt, dass ich das Texten aufgeben wolle, um nur noch Musik zu schreiben. Das war, als ich "Il Sogno" komponiert habe. Vielleicht war das nur, weil ich mich so sehr auf das Komponieren von Musik konzentriert habe, dass ich anfing zu glauben, das wäre meine natürliche Bestimmung. Und natürlich, als ich damit fertig war, habe ich mir die E-Gitarre geschnappt um "When I Was Cruel" zu machen. Es ist gut, so konzentriert zu sein, dass man solche Dinge glaubt. Im Nachhinein sehe ich aber den Wert in beiden Dingen. Ich hoffe noch immer, ab und zu reine Instrumentalmusik zu schreiben, wobei ich im Augenblick wieder sehr auf Worte fixiert bin, sowohl bei "Delivery Man", als auch in dem Stück über Andersen, zudem sammle ich gerade Ideen für mein nächstes Album. Allerdings glaube ich nicht, dass meine Alben noch so wichtig sind, wie sie einmal waren. Ich habe so viele gemacht, dass es schwierig ist, die Leute davon zu überzeugen, dass es für sie so genauso wesentlich ist wie für mich. Ganz einfach, weil ich 21 Alben gemacht habe und keiner glauben kann, dass das 22. genauso gut ist wie das erste.

[pg]: Heißt das, dass Sie sich nicht mehr so wichtig nehmen wie früher?

Elvis Costello: Oh, ich habe mich noch nie wichtig genommen. Ich denke, man sollte respektieren was ich tue, genauso wie ich das Publikum respektiere. Aber ich bin nicht dankbar, denn was ich mache, mache ich gut. Ich glaube, die Leute bekommen einen Gegenwert für ihr Geld. Aber sie sollten mir nicht dankbar sein und ich sollte ihnen nicht dankbar sein. Sie zahlen Geld, um mich Musik machen zu sehen und müssen mir vertrauen, dass ich bestimmte Entscheidungen treffe, was ich im Konzert spiele. Wenn ich es auf eine künstliche Art tun würde, würde ich es nicht gut tun. In anderen Worten: Wenn die Leute nur meine größten Hits erwarten – wenn es so etwas überhaupt gäbe – also, wenn man von mir erwarten würde, nur die bekanntesten Songs meiner Karriere zu spielen... die bekanntesten sind nicht immer die besten, manche Hits sind eher Unfälle. Ich hatte mal einen großen Hit in vielen Ländern der Welt – nicht in allen, aber in vielen –: "She" aus dem Film "Notting Hill". Ich denke nicht, dass irgendwer so tun würde, als sei dies meine beste Platte. Aber es ist einer meiner bekanntesten. In bestimmten Ländern war der Song sehr erfolgreich und die Leute sind geschockt, wenn ich ihn nicht spiele – und manchmal wären sie sogar zornig, wenn ich ihn nicht spielen würde. Aber, ehrlich gesagt, es macht mir vielleicht Spaß, ihn ein, zwei Abende zu bringen, aber nicht jeden Abend. Ich denke, das wäre eine unnötige Last. Einige meiner älteren Songs scheinen immer noch von einigen im Publikum verlangt zu werden und ich kann einen Weg finden sie mit neueren Songs in Balance zu bringen. Besonders wenn ich genug Zeit habe, ein paar Songs zu spielen, die mir im Studio nicht so gut gelungen sind. Man kann sich nicht vormachen, dass jeder Song im Studio so gut aufgenommen wurde, wie das möglich gewesen wäre. Und dann probierst du ihn später mit einer neuen Kombination von Musikern aus und auf einmal fängt er an wieder zu leben, und dir wird klar, warum du ihn mochtest als du ihn geschrieben hast. Sehen Sie, ich bilde eine Brücke zwischen den altbekannten und den neueren Songs, indem ich Stücke verwende, die auf den Alben begraben wurden und wir bringen sie wieder ans Licht und die Leute sind immer überrascht, dass diese Nummern genauso stark sind wie eine ganz neue oder sehr bekannte Nummer. Wir haben ungefähr hundert Songs, die wir jederzeit spielen können und so wird das Programm nie ermüdend. Es hat also nichts mit Dankbarkeit zu tun, sondern damit, dass man das beste tut, was man kann.

[pg]: Sie reden viel von "wir", wenn sie von ihrer Musik sprechen. Wie groß ist eigentlich der Einfluss ihrer Band auf die Musik?

Elvis Costello: Ich bin sehr glücklich, dass wir nicht nur die Songs spielen können, die ich mit den Imposters aufgenommen habe. Es sind ja noch zwei von den Attractions dabei, aber Dave Faragher spielt den Bass doch ganz anders [als Attractions-Bassist Bruce Thomas], deswegen haben die Songs, die wir mit den Attractions aufgenommen haben, jetzt ein ganz anderes rhythmisches Feeling. Wir haben die Arrangements nicht groß geändert, aber auf den Groove kann ich mich jetzt mehr verlassen. Und das gibt Steve Nieve mehr Freiraum, der ein wundervoll einfallsreicher Keyboarder ist. Ich wiederum bin frei von der Pflicht als Gitarrist Teil der Rhythmus-Sektion zu sein. Die Rhythmus-Gruppe der Attractions waren effektiv das Schlagzeug und die Gitarre, denn der Bass und die Keyboards haben die ganze Zeit solo gespielt. Das war ein sehr aufregender Sound, besonders als wir 22 oder 23 Jahre alt waren. Aber später, als ich begann Musik anders zu hören, wurde es manchmal doch etwas sonderbar, weil da nichts war, was die Musik am Boden hielt. Und Dave Faragher ist auch ein toller Sänger. Mit ihm kann ich jetzt Harmonien singen, die mir davor gefehlt hatten, oder die ich höchstens im Studio realisieren konnte. Diese Gruppe hat also eine ganz andere Dimension. Die Musiker mit denen ich am längsten gespielt habe – Steve und Pete [Thomas] – haben sich ebenso als Musiker entwickelt. Steve lebt in Paris und spielt mit vielen Pariser Musikern, Pete Thomas hat mit Los Lobos und Suzanne Vega aufgenommen und seine musikalische Erfahrung ist enorm. Ich habe mit Orchestern zusammengearbeitet, mit Burt Bacharach, den Jazz Passengers oder dem Brodsky Quartet und all das beeinflusst die Art, wie man Musik hört und erweitert die Möglichkeiten einer Band enorm, sogar dann wenn man die Sprache auf die des Rock'n'Roll vereinfacht – und es ist eine einfache Sprache. Aber diese Band ist fähig einen Song von "Painted From Memory", einer sehr raffinierten Platte, zu spielen, danach eine zärtliche Ballade von "North", dann etwas von "When I Was Cruel" und schließlich "Watching The Detectives". Ihre Spannbreite ist um einiges größer als die anderer Bands. Wenn ich also von "wir" spreche, ist das als Kompliment gemeint für die enorme Unterstützung, die ich von der Band erhalte. Wenn man lange zusammen auf Tour ist, dann nimmt man sich einfach als Gruppe war. Wenn ich komponiere, empfinde ich mich mehr als Individuum.
(Auszugsweise Erstveröffentlichung in den Nürnberger Nachrichten) [pg]


Permalink: http://schallplattenmann.de/a113415


(cc) 1996-2016 Einige Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist unter einem Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-KeineBearbeitung Lizenzvertrag lizenziert. Um die Lizenz anzusehen, gehen Sie bitte zu http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de/.

http://schallplattenmann.de/artikel.html
Sprung zum Beginn der Seite