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Rubrik Texte - lesen oder hören

Hubert Wolf "Archäologie im Vatikan: Die katholische Buchzensur"

Hörbuch – Brandheißer 60-Minuten-Flug durch 500 Jahre Zensur im Namen des Herren
(CD; Hoffmann und Campe)

Kurz nach dem Tod von Jesus von Nazareth hatten seine Anhänger die 'Lasst uns kooperative Köpfe sein'-Botschaft ihres Helden über Bord geworfen. Keine kooperativen Köpfe, sondern Karrieremacher übernahmen fortan das Ruder im Christentum. Und Karrieremacher organisieren sich am liebsten in einer straffen Hierarchie, in einem "Ordo": Einer steht ganz oben. Darunter ein paar. Darunter ein paar mehr. Dann kommt die Masse, die hat gar nichts mehr zu melden. So scheiterte die welthistorisch einzigartige Botschaft von Jesus früh an der Personalentwicklung.
Fast tausend Jahre lang hielt die hierarchisch straff organisierte Kirche ein Monopol auf das Wissen im Abendland: anhand handgeschriebener Bücher. Wissen ist Macht, die Kirche wusste sie zu verteidigen. Bis um 1450 Bücher mit beweglichen Metall-Lettern schnell und in hohen Auflagen zu drucken waren. Da begann die Masse zu lesen. Und zu denken. Auch mal kritisch. Um ihre Macht über die Wörter zu erhalten, trat der heilige Apparatschik auf den Plan: Sie erklärten Gutenbergs Erfindung für ein »Gottes- aber auch ein Teufelswerk«, das zu kontrollieren sei.
Und hier, im 15. Jahrhundert, tritt Prof. Dr. Hubert Wolfs Forschung auf den Plan. Der 1959 geborene katholische Kirchentheologe ist selbst ein Mann der Kirche, ein Priester, aber auch ein Mann der Offenheit. Die Periode der katholischen Buchzensur schildert er klar als eine Zeit der auch blutigen, pannenreichen, teils lächerlichen Unterdrückung. Und mit der Entdeckerfreude eines Kriminalisten legt er dies offen. Kriminalist? Immerhin hat Wolf Zugang zum vatikanischen Archiv, seit es 1998 für die Forschung geöffnet wurde. Er ist ein Meister der Deduktion.
Und so erfahren wir, wie die katholische Buchzensur bis zu ihrem Ende 1967 irrwitzig viele Bücher auf ihren Index setzte, darunter auch so vorbildlich christliche Bücher wie "Onkel Toms Hütte" von Harriet Beecher-Stowe.
Heiß wird das Thema Buchzensur schon im frühen 16. Jahrhundert, als da einer auftaucht, der den Buchdruck erstmals nutzt, um damit Kirchenpolitik zu treiben: Martin Luther. Wolf spitzt zu: »Die Reformation ist letztlich nichts anderes als eine medienpolitische Revolution.« Schon die 1517 an eine Kirchentür angeschlagenen Thesen seien nur deshalb so wirksam gewesen, weil sie eben auch gedruckt und damit tausendfach verbreitet werden konnten.
Wir alle kennen einen anderen historischen Fall: Galileo Galilei musste seinen wissenschaftlichen Thesen abschwören, sonst hätten ihn die Wächter des Vatikan lebendig verbrannt. Sonst waren Naturwissenschaftler selten auf dem Index. Professor Wolf fand den Grund in den vatikanischen Archiven. Naturwissenschaftler nutzten einen Trick: Sie konnten ihre Lehren ungehindert drucken und verbreiten lassen, wenn sie diese als seichte Hypothese darstellten, die jederzeit von neueren Erkenntnissen korrigiert werden dürften.
Im 20. Jahrhundert dann Entsetzen: Papst Pius XI. setzte Hitlers "Mein Kampf" nicht auf den Index. Das hätte der jahrhundertelang zur Unterdrückung eingesetzten Zensur erstmals eine freiheitliche Bedeutung gegeben, erstmals echten christlichen Touch. Warum versagte der Papst? Hubert Wolf fand eine 'Hitler-Akte' in den vatikanischen Archiven. Und die hat es in sich: Papst Pius XI. beschloss, dass es bei "Mein Kampf" nicht mit einem einfachen Verbot getan sei, es müsse eine öffentliche Verdammung konkreter Sätze geben. 40 Thesen destillierten seine Wächter aus "Mein Kampf", die der Lehre der christlichen Kirche entgegen stünden, vorneweg die durchgeknallte Rassenlehre der Nazis. Für die Kirche stammen alle Menschen von Adam und Eva ab, alle sind gleich. Dreimal hat Pius XI. die Entscheidung vertagt. Unklar ist, weshalb Index und Verdammung nicht durchgeführt wurden. Einen Anhaltspunkt bietet, so Wolf, ein Römerbrief des Paulus. Danach ist es christliche Auffassung, dass jede staatliche Obrigkeit von Gott kommt. Der legal, auch mit Stimmen der katholischen Zentrumspartei, ernannte Diktator Hitler konnte aus dieser Warte nicht belangt werden. Verquast, vielleicht irre – aber deshalb hat der Vatikan sich allem Anschein nach bei Hitler zurückgehalten.
Was für eine spannende Geschichtsstunde, dem Wolf sei Dank!

P.S.: Dass US-amerikanische Bischöfe gegen "Harry Potter"-Romane wegen ihres magischen Inhalts wetterten, erwähnt Wolf leider nicht mehr. Joanne K. Rowling als eine von der katholischen Kirche Verfolgte? Heute undenkbar. Seien wir froh, dass die weltliche Macht der katholischen Kirche heute beschränkter ist, als es bis 1967 der Fall war. [vw: @@@@]



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