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Der Schallplattenmann sagt
Ausgabe #723, 6. April 2012
Schmelztiegel
Liebe Leserinnen und Leser,
wenn unser Autor den Banghra Funk von Red Baraat mit Balkan-Brass vergleicht, ist das (zumindest was die Orientierung Richtung Indien betrifft) sicher richtig, aber noch naheliegender finde ich den Zusammenhang mit den Brass Bands aus New Orleans, neben New York einem weiteren großen Schmelztiegel in den USA.
Schöne Feiertage! [mmh]
In dieser Woche
- Olli Schulz "SOS - Safe Olli Schulz" lp: @@@@
Singer/Songwriter -- Auf dem Weg zur Spitze
- Kai Degenhardt "Näher als sie scheinen" hb: @@@@
Liedermacher -- Das Erbe aktuell interpretiert - Jewrhythmics "Jewrhythmics" noi: @@@
World-Disco -- jiddische Gassenhauer als Synthie-Pop - Michael Kiwanuka "Home Again" mv: @@@@
Chamber-Soul Klassiker aus Nord-London - Richard Koechli "Howlin' With The Bad Boys" noi: @@@@
Blues -- Referenz an die alten Meister - Mastodon "The Hunter" as: @@@@
Progressiver Metal -- erfreulicher Wildwuchs - RAM "Death" as: @@@
Traditioneller Heavy Metal - Red Baraat "Chaal Baby" noi: @@@
World -- verjazzte indische Blasmusiktradition mit Klezmer, Bollywood und mehr - Bruce Springsteen "Wrecking Ball" hb: @@@
Rock -- Occupy Rockmusik - Goetz Steeger "User" noi: @@@@@
Poetisch, nachdenklich und humorvoll -- ein bemerkenswertes Album, im Alleingang eingespielt - Van Halen "A Different Kind Of Truth" as: @@
Hardrock -- solides Comeback
- Opas Diandl, 2.3.2012, Theater am Saumarkt, Feldkirch (A) noi:
Live -- neue Volksmusik aus Südtirol
@@@@ - definitives Highlight: Highlight
@@@ - erfreuliche Delikatesse: Delight
@@ - solides Handwerk: Solidlight
@ - verzichtbarer Ausschuss: Nolight
Tipp der Woche
Olli Schulz "SOS - Safe Olli Schulz"
Singer/Songwriter – Auf dem Weg zur Spitze
(CD, LP+CD; Trocadero)
Ein cooler Hund war Olli Schulz ja schon immer, auch wenn er sein Publikum nur solo und mit der Akustik-Gitarre bespaßt hat. Nun hat der Hamburger wieder ein neues Album mit Moses Schneider (Tocotronic, Beatsteaks, Ja Panik) in Berlin eingespielt. Was sich beim vorigen Album "Es brennt so schön" 2009 schon abgezeichnet hat – wenn man vom "Mach den Bibo"-Ausrutscher einmal absieht. Olli Schulz ist erwachsener geworden und hat sich vom einzig würdigen Nachfolger Mike Krügers zu einem Songschreiber entwickelt, der nun endgültig an der Seite von Kollegen wie Gisbert zu Knyphausen angekommen ist. Logischerweise spielt selbiger auf der Platte dann auch neben noch ein paar anderen Kollegenfreunden gleich mit.
Erster Höhepunkt ist die prächtig arrangierte Uptempo-Nummer "Ich kenn' da Einen". Der Song über Bekannte und deren Bekannte ist eine beißende Abrechnung mit der 'Facebook-Gesellschaft' und hebt den Songschreiber schon mal quasi in Richtung einer deutschsprachigen Musik-Bundesliga. In der grandiosen poetischen Reflexion "Ich dachte, du bist es" geht es dann mindestens um die Seele. So weit weg vom Schabernack war Herr Schulz noch nie. Wenn der Zuhörer spätestens nach "Dirty Old Man", einer gelassenen Selbstreflexion, schon Angst bekommt, dem alten Olli könnte was Ernsthaftes zugestoßen sein, kommt ganz brutal der Schalk um die Ecke und bleckt die Zähne.
Ein tiefes, schönes und trotzdem auch lustiges Album mit meinem heimlichen Hit "Spielerfrau" für die Fußball-Europameisterschaft. [lp: @@@@]
<#511: Olli Schulz und der Hund Marie "Warten auf den Bumerang"> [dmm: @@@]
<#671: Gisbert zu Knyphausen "Hurra! Hurra! So nicht."> [dmm: @@@@]
<http://www.ollischulz.com/>
In aller Kürze
Bluesfestival CH-Baden
Nachdem ich 2011 das Bluesfestival Baden erstmals kennen gelernt habe (weil Delbert McClinton dort ein Konzert gab), will ich gerne auch auf die diesjährige Ausgabe des Festivals hinweisen. Am Freitag/Samstag 18./19.5.2012 stehen auf der Konzertbühne im Nordportal: Hans Theessink, The Fabulous Thunderbirds feat. Kim Wilson, Eric Bibb, Kim Wilson & Anson Funderburgh. Alle Informationen über die mit dem Swiss Blues Award ausgezeichnete Veranstaltung finden sich auf der Webseite. [mmh]
<#340: Hans Theessink "Songs From The Southland"> [pb: @@@]
<#295: The Fabulous Thunderbirds "Live"> [pb: @@]
<#334: Eric Bibb "Natural Light"> [dmm: @@@]
<http://www.bluesfestival-baden.ch/>
Neu erschienen
Kai Degenhardt "Näher als sie scheinen"
Liedermacher – Das Erbe aktuell interpretiert
(CD; Plattenbau)
Kai Degenhardt wird immer besser. "Näher als sie scheinen" ist mittlerweile sein fünftes Solo-Album und es ist wohl auch sein bestes. Es führt den Weg fort, den Degenhardt bereits mit "Weiter draußen" konsequent eingeschlagen hat. Kai Degenhardt hält – wie auch Bruder Jan auf seine Weise – die Liedermacher-Tradition der Familie hoch. Auf ganz eigene Art und dennoch ist natürlich zu spüren, wessen Sohn er ist, für wen er seit dem Ende der 1980er Jahre die Arrangements gemacht und wen er an der Gitarre begleitet hat. Nach dem Tod von Franz Josef Degenhardt im vergangenen November ist es so zumindest etwas tröstlich, wenn jemand so nahtlos und selbstverständlich den Stab übernommen hat und die deutsche Geschichte und Gegenwart im Lied weiter erzählt.
Zwar drängt sich der Vergleich mit dem Vater auf, aber Kai Degenhardt geht mit dem Erbe souverän um. Mittlerweile ist er selbst schließlich ein gestandener Künstler und schreibt unglaublich treffende Lieder über den aktuellen Stand des Kapitalismus, dem 'der letzte Tritt' fehlt: »vor dem Abgrund, nur noch ein Schritt/ vorwärts und dann ist's zu Ende,/ nehmen die Dinge jetzt in unsere Hände...«. Seine Lieder beschäftigen sich aber auch gerne – ebenso wie beim Vater – mit den Außenseitern, den Losern und dem Alltag. Immer zeigt sich dabei der Irrsinn der Gegenwart am konkreten Beispiel.
Dabei hat Degenhardt eine besondere Art gefunden, den Alltag auch auf CD zu bannen: Er hat jede Menge Geräusche aufgenommen, die sich nun als Samples neben vielen Gitarren, Klavier, Bass und Melodica auf dem Album wiederfinden. Wie sein Vater macht auch Kai Degenhardt nebenbei ein paar historische Ausflüge – diesmal zur Novemberrevolution 1918 in Deutschland – und schließt das Werk mit einem Opus ab, das allein sein Geld wert ist. Was er in die 18:23 Minuten "Unwetter in blau" (mit Goetz Steeger am Klavier), einer Art Reportage von einer Zwangsversteigerung des Hab und Guts eines gescheiterten Spekulanten, alles hineinpackt, das ist schon gradios. Da ist es auch nicht schlimm, dass seine Stimme über das ganze Album hinweg etwas flach und wenig variabel klingt. Die Texte und die ebenso sparsame wie treffende Instrumentierung machen alles wieder wett. [hb: @@@@]
<#722: Franz Josef Degenhardt "Gehen unsere Träume durch mein Lied"> [noi: @@@]
<#723: Goetz Steeger "User"> [noi: @@@@@]
<http://kai-degenhardt.de/>
Jewrhythmics "Jewrhythmics"
World-Disco – jiddische Gassenhauer als Synthie-Pop
(CD; Essay)
Sanft tiriliert die Klarinette über dem schweren Grundrhythmus und der monoton hämmernden Begleitung. Dass die Jewrhythmics Evergreens wie "Hava Nagila" und "Chiribim" ins Disko-Kleid stecken, ist durchaus amüsant. Dass es für sie mehr als ein Gag sein dürfte, ist nicht aus jedem Stück herauszuhören. Aber warum sollten sie sich sonst die Mühe machen, die Lieder mit analogen Synthesizern einzuspielen, zu denen sie noch Gitarren, Akkordeon und vor allem immer wieder eine äußerst eloquent gespielte Klarinette gesellen?
Wer auf seiner Zeitreise in die 80er-Jahre nicht immer die frühen Depeche Mode (deren "Just Can't Get Enough" man gut zum Intro von "5th Avenue Squaredance" singen könnte) herunternudeln möchte und gleichzeitig vor Dschinghis Khan und Boney M nicht zurückschreckt, findet bei den Jewrhythmics die entsprechenden Sounds zu Melodien, von denen manche zumindest den älteren Semestern bekannt vorkommen dürften. [noi: @@@]
Michael Kiwanuka "Home Again"
Chamber-Soul Klassiker aus Nord-London
(CD, lim. 2CD, LP; Polydor)
Glaubt man der britischen Presse, dann steht mit dem 25-jährigen Michael Kiwanuka die neue Zukunft des Soul ins Haus, und das vor allem wegen der auf "Tell Me A Tale" zelebrierten Vergangenheitsseligkeit. Der gleichnamige Opener bringt dann auch schon den Höhepunkt des Albums: ein echter Soul-Klassiker irgendwo zwischen Bill Withers und Van Morrisons "Moon Dance", mal üppig mal spartanisch orchestrierter Kammer-Soul mit Tiefgang. Zu verdanken ist der authentische Früh-Siebziger Sound dem Soundtüflter Paul Butler, der seit gut zehn Jahren zusammen mit seinem musikalischen Partner Aaron Fletcher kleine, eklektizistische Meisterwerke unter dem Bandnamen The Bees von der Isle of Wight ins Weltmusikgetriebe spült. Bis auf Violine, Kontrabass, Trompete und Flöte sind alle Instrumente auf "Tell Me A Tale" von Kiwanuka und Butler eingespielt, angesichts der stellenweise großorchestralen Anlage ein weiteres Indiz für großen Geniealarm.
Stimmung und Tempo des Albums sind eher zurückgenommen, zartbitterer Folksoul, der sich aus Gospelspiritualität ebenso speist wie aus Sensibilitäten der ersten Singer-Songwriter Generation. So schmachtet der smarte Jazz-Shuffle "Bones": »I would leave this world alone/ Without you I'm just bones« – stilecht mit Doo-Wop-Background ins Szene gesetzt. Die große Erlösung liegt um die nächste Ecke, glüht aber jetzt schon mal das Herz vor: »One day I know/ I'll feel home again/ born again« ("Home Again"), oder »But if I hold on tight, is it true?/ Would you take care of all that I do?/ Oh Lord, I'm getting ready to believe.« ("I'm Getting Ready"). Kann es sein, dass hier einer die große spirituelle Rolle rückwärts macht? Was Ray Charles einst vom Gospel zum Liebeslied säkularisierte, wird es hier wieder zum großen, unironischen Lobpreis?
Wie viele klassische Soul-Platten funktioniert auch "Home Again" auf beiden Ebenen prächtig. Zum großen Retro-Soul-King wird der junge Nord-Londoner mit ugandischen Wurzeln so sicherlich nicht, seine Song-Vignetten sind nichts für den Dancefloor, eher was für einsame Träumereien am verlorenen Spätsommerabend, aber die Reife besticht. Und so schenkt uns Michael Kiwanuka Hoffnung auf mehr. [mv: @@@@]
Richard Koechli "Howlin' With The Bad Boys"
Blues – Referenz an die alten Meister
(CD; Nation Music)
In wenigen Wochen wird Richard Köchli erfahren, ob er den Swiss Blues Award 2012 erhält. Seine Referenz an die verstorbenen Altmeister des Blues ist nur einer der Mosaiksteine, die seine Wahl rechtfertigen.
So weit ist die Schweiz gar nicht von den USA entfernt: Schon Erika Stucky hat festgestellt, dass die traditionelle Musik so tief in die Seele geht wie der Blues. Da überrascht es nicht, dass dieses Land auch hervorragende Blues-Musiker hervorbringt. Obwohl sich der Innerschweizer als Roots-Musiker versteht und auf den Spuren von Folk, Blues und Country wandelt, hat er sich für "Howlin With The Bad Boys" ganz dem Blues verschrieben. Aus fast praktischem Grund: In seinem jüngsten Buch – Koechli ist auch Autor von Gitarre-Lehrbüchern – vermittelt er die Spieltechniken der großen Meister des frühen akustischen Blues. Sich mit eigenen Songs auf die Spuren der Vorbilder und Inspiratoren zu begeben ist naheliegend.
Koechli, der alle Songs selbst geschrieben hat und mit einschmeichelnd-brüchiger Stimme auch singt, widmet sich zwar den typischen Blues-Themen von Schmerz und Verlust (in "Bruno" etwa über seinen früh und qualvoll verstorbenen Bruder), gleitet aber nicht romantisierend ins Gestern zurück: Im "CEO Worksong" trägt er – zwar eindimensional und stereotyp, aber ist nicht Simplizität ein wichtiges Kennzeichen des Blues? – den veränderten Arbeitsbedingungen Rechnung. Auch wenn Koechlis Texte – er singt in Mundart, Englisch und Französisch – einfach sein mögen, sein Spiel ist gleichermaßen entspannt und dringlich. Er beherrscht das subtile Fingerpicking auf der akustischen ebenso wie die Slides auf der E-Gitarre. [noi: @@@@]
Mastodon "The Hunter"
Progressiver Metal – erfreulicher Wildwuchs
(CD, CD+DVD, LP; Roadrunner)
Als letzter Nachzügler aus dem Herbst letzten Jahres möchte ich gerne auf Mastodons letztes Album eingehen. Die Band aus Atlanta, Georgia, ist mit ihrem Mix aus Space-Rock und wüstem Sludge seit einigen Jahren recht beliebt und hat ihren Stil mit den letzten Alben immer stärker in eine progressive Richtung bewegt.
Ihr neues Album "The Hunter" lässt sich aber leichter vorstellen, wenn man kurz auf den Vorgänger "Crack The Skye" von 2009 eingeht. Jenes Album war ein etwas schwer verständliches Konzeptalbum, das aber mit der Produktion von Brendan O'Brien (u.a. Pearl Jam, Neil Young) den Ideen und Stilwechseln der Musik Zügel angelegt hatte. Die Lieder gingen teilweise immer noch an die 10-Minuten-Grenze und wechselten dabei häufiger ihre Ausrichtung. Trotzdem wurde das Ganze ein sehr hörbares Erlebnis.
Mit "The Hunter" geht die Band einen anderen Weg. Anstatt mit sieben zusammenhängenden Epen wie beim Vorgänger haben wir es nun mit fast der doppelten Anzahl von Liedern zu tun, die alle Stärken der Band zusammenfassen: Es gibt die sphärischen Lieder wie den Titelsong, "Stargasm" oder "The Sparrow", wütende Polterer wie bei "Spectrelight" und fast schon radiokompatible Hits wie "Black Tongue" oder das leicht schlüpfrige "Curl Of The Burl". Das Album ist damit eine faszinierende wilde Mischung, dürfte für jeden Neueinsteiger aber etwas unzusammenhängend daherkommen. Zu groß sind die Unterschiede zwischen den Liedern, als dass man eine Richtung oder ein Konzept dahinter sehen würde. Jedes Lied kann man aber sehr gut für sich hören und auch nach einigen Monaten finde ich den Humor und den Abwechslungsreichtum des Albums immer noch sehr einnehmend. [as: @@@@]
RAM "Death"
Traditioneller Heavy Metal
(CD, CD+DVD, LP; Metal Blade)
Das neue Album der schwedischen Metalband RAM lehnt sich sehr stark an den Metal der frühen 80er Jahre an, mit Referenzen an Judas Priest, Iron Maiden und Mercyful Fate sowie an Black Sabbath aus dieser Zeit. Das betrifft nicht nur die nach vorne gehende Musik und den hohen Gesang, sondern auch den Sound des Albums, der angenehm luftig und transparent ist.
Das Album ist etwa eine dreiviertel Stunde lang und beginnt und endet sogar mit jeweils einem Instrumental. Der Mittelteil ist dabei der Stärkste: "Release Me" ist ein komplexer, melodischer Rocker, "Defiant" besticht durch sein wunderbares Riff, "Frozen" ist ein düsterer Doomer und erinnert an Black Sabbaths "Mob Rules"-Phase, während "Under The Scythe" den hysterischen Gegenpol dazu bildet.
Wer auf die Referenzen steht, Riffs mit zwei Leadgitarren mag und gerne ein neues Album mit klassischen Touch hören möchte, fährt mit RAM sehr gut. Empfehlenswert ist auch der Vorgänger "Lightbringer" (2009), der jedoch nicht so konsequent traditionell daherkommt. [as: @@@]
Red Baraat "Chaal Baby"
World – verjazzte indische Blasmusiktradition mit Klezmer, Bollywood und mehr
(CD; Jaro)
Bei der Hochzeit denkt man wohl auch dann nicht an die Kosten der Scheidung, wenn man sich durch einen Ehevertrag abgesichert hat. Dass Red Barat melancholische Untertöne fehlen, ist daher nur zu verständlich. Denn mit seiner Gruppe wollte der indischstämmige Jazzschlagzeuger Sunny Jain die Tradition des Umzugs mit Hochzeitskapelle (Baraat) auch in den USA einführen – vorerst für seine eigene Hochzeit. Denn er wollte nicht wie die anderen US-indischen Hochzeitspaare auf einen DJ oder einen einsamen Dhol-Trommler zurückgreifen. Daraus wurde Red Baraat, bei der Jain mit seiner Dhol – der fassartigen, vor dem Bauch hängenden und mit Stöcken gespielte Trommel – den Rhythmus vorgibt.
Den Ton geben bei der achtköpfigen Gruppe die Bläser an.
Und wie im Schmelztiegel New York zu erwarten, beschränken sich die Einflüsse nicht auf Indien. Schon die Besetzung erinnert an die Balkan-Brass-Bands, mit denen Red Baraat durchaus vergleichbar sind. Und die Musik ist zwar durchweg treibend und energiegeladen, aber so komplex, dass sie auch nach der Hochzeit noch mit Genuss gehört werden kann – und nicht nur vom Hochzeitspaar. Denn Sunny Jain hat – wie er selbst in einem Interview feststellte – mit dieser Besetzung die eierlegende Wollmilchsau gefunden: »Diese Band passt zu den unterschiedlichsten Anlässen und Programmen, von Weltmusik über Jazz und einer Jam-Band bis hin zu Ethno-Festivals.« [noi: @@@]
Bruce Springsteen "Wrecking Ball"
Rock – Occupy Rockmusik
(CD, lim. CD+2Bonus, 2LP+CD; Columbia)
Wenn die selbsterklärten 99 Prozent protestieren, dann steht Bruce Springsteen nicht abseits. Schließlich stand er schon immer an der Seite der einfachen Leute und jetzt drückt er ihre Wut aus. Stadiontauglich, versteht sich. Denn "Wrecking Ball" ist zwar schon so etwas wie eine musikalische Begleitung der 'Empörten', hat wie sie keine wirkliche Lösung und sucht sie wohl auch kaum. Dafür klingt das Album gut.
Es wirkt auch nicht aufgesetzt, wenn Zehntausende gemeinsam den Opener "We Take Care Of Our Own" singen. Nun haben sie damit zwar noch nichts verändert, aber die gemeinsame Erfahrung, die gemeinsame Wahrnehmung nicht allein zu sein, ist ja immer auch ein Schritt in die richtige Richtung. Der eine oder andere mag Springsteens neues Album als platt empfinden; auch klingt es für Europäer und vielleicht insbesondere für Deutsche nach Vietnam-, Irak- und Afghanistan-Krieg(en) oder den diversen anderen US-amerikanischen Verbrechen in der Weltpolitik immer wieder komisch, wenn der amerikanische Traum immer noch hoch gehalten wird (hier insbesondere bei "Land Of Hope And Dreams" und bei "American Land" in der Special Edition). Aber vielleicht lässt sich der Patriotismus mit solcherart Liedern im Gepäck ja auch einmal gegen die Mächtigen wenden.
Musikalisch ist Springsteen neben dem sattsam vorhandenen krachenden Stadionrock experimentierfreudig. So gibt es Loops, Drum-Computer, Hip-Hop-Anleihen oder Gospel-Chor. Zuweilen ist das etwas zu viel und unnötig, vor allem da Max Weinberg sicher besser trommelt als jeder Computer das jemals schaffen wird. Die etwas ungewöhnlichen Töne passen ansonsten größtenteils und so liefert Springsteen ein Album ab, das wieder einmal auf der Höhe der Zeit ist. Nicht nur was die Texte angeht. [hb: @@@]
<#685: Bruce Springsteen "The Collection 1973-1984"> [dmm: @@@@]
<#614: Bruce Springsteen "Working On A Dream"> [noi: @@]
<#555: Bruce Springsteen & The E Street Band "Magic"> [pb: @@@@]
Goetz Steeger "User"
Poetisch, nachdenklich und humorvoll – ein bemerkenswertes Album, im Alleingang eingespielt
(CD; Plattenbau)
Es ist viele Jahre her, als ein Freund – ganz gegen seine Gewohnheit – eine Schallplatte alleine deswegen kaufte, weil ihn das Cover angesprochen hatte. Stephan Sulkes selbst betiteltes Album (1976) hielt, was die Hülle versprach. Auch mich begleiteten diese Lieder viele Jahre lang. Selbst heute noch könnte ich die meisten Lieder seines Debütalbums mitsingen. Heute fällt es mir leichter, Alben bloß auf Verdacht zu ordern. Doch jetzt schmerzt es, auf das Werbegeklingel der Plattenfirmen hereinzufallen und Zeit mit wertloser Musik zu verschwenden. Dafür entschädigen Glücksgriffe wie Goetz Steegers "User" (auf das ich durch den Werbetext und nicht durch das ansprechend gestaltete Cover aufmerksam wurde).
Der Hamburger Musiker zeigt sich als wechselweise witziger und nachdenklicher Poet an der Gitarre, erweist mit stupender Klavierbegleitung der Minimal Music seine Referenz und integriert atonale Passagen genauso wie rockige Santana-Gitarren, Freejazz-Einsprengsel und klassische Elemente. Als ob das nicht beachtlich genug wäre, hat der Multiinstrumentalist das Album im Alleingang eingespielt.
Zudem ist Goetz Steeger ein guter Texter. Lyrisch und humorvoll findet er immer wieder treffende Bilder, für persönliche Empfindungen genauso wie für die treffend beschreibende Kommentierung gesellschaftlicher Phänomene. Exzellent auch seine vertonten Texterzählungen, etwa die so flotte wie amüsante Geschichte "Nordseeinternat Almost Revisited", in der er in klassischer Manier über falsche Vorbilder schreibt und die Kunst, rechtzeitig die Biege zu machen, um sich nicht wie der von der Schule geflogene Klassenkamerad – einst das coole Vorbild – in die Sackgasse zu manövrieren.
Goetz Steeger – der bislang in unbedeutenden Gruppen gespielt, aber auch zwei Alben des kürzlich verstorbenen Liedermachers Franz Josef Degenhardt produziert hat – knüpft mit seinem ersten, musikalisch äußerst vielschichtig aufbereiteten Solo-Werk an die Tradition der großen deutschsprachigen Chansonniers an. Wird ihn in dreißig Jahren noch jemand erinnern, einschätzen oder gar würdigen wollen? [noi: @@@@@]
Van Halen "A Different Kind Of Truth"
Hardrock – solides Comeback
(CD, CD+DVD; Interscope)
Van Halens Relevanz für die Rockmusik kann man 35 Jahre nach ihrem Debut immer noch als sehr hoch bewerten. Was die Band 1978 mit "Van Halen" abgeliefert hatte, bildete die Grundlage des Hardrocks der 80er Jahre und ließ Unmengen an Gitarristen folgen, die der Technik Eddie Van Halens nacheiferten oder sie weiterführten. 1984 enterte die Band mit dem gleichnamigen Album die Hitparaden und war danach trotz Sängerwechsel immer noch recht erfolgreich. Wie bei vielen Bands aus diesen Zeiten fand sich Van Halen in den 90er Jahren jedoch nicht mehr zurecht, veröffentlichte nur noch zwei bescheidene Alben und verlor sich dann. Nach einer Entziehungskur des Gitarristen gab es ab 2007 wieder eine vielbeachtete Tour mit Originalsänger David Lee Roth.
Dieses Jahr ist nun nach 14 Jahren das Comeback-Album erschienen und das erste mit Roth nach fast 28 Jahren. Mit all der Historie und den gesundheitlichen Problemen gönnt man der Band dieses Comeback und freut sich daran. Der Sound vereint die typischen Van-Halen-Trademarks, ist dabei aber merklich reduziert. Keyboards fehlen, die Gitarre ist sehr prägnant im Vordergrund. Die Lieder haben Esprit und Schwung, es gibt einen ungewöhnlichen Akustik-Song ("Stay Frosty"), einige gute Hooks ("She's a Woman") und hier und da halsbrecherische Geschwindigkeiten ("China Town", "Honeybabysweetiedoll").
Insgesamt also ein solides und würdevolles Comeback, auch wenn es bei den Fans einige mäkelnde Stimmen zu dem alten Material gab und viele Vergleiche zur großen Konkurrenz von Chickenfoot. [as: @@]
<#633: Chickenfoot "Chickenfoot"> [sal: @@@@]
<http://www.van-halen.com/>
<http://de.wikipedia.org/wiki/Van_Halen>
Live - Musik spüren
Opas Diandl, 2.3.2012, Theater am Saumarkt, Feldkirch (A)
Live – neue Volksmusik aus Südtirol
Das Beste gegen Krankheiten, sagte der offenbar leicht angeschlagene Sänger Markus Prieth vor der letzten Zugabe, das Beste gegen Krankheiten, und eigentlich auch gegen alles sonstige Übel, sei zu musizieren. Nach der anschließenden Aufforderung, auf das noch folgende, nun aber wirklich allerletzte Stück, doch bitte nach Hause zu gehen und dort weiterzusingen, setzten drei der fünf Musiker zu einem stimmungsvollen Jodler an. Singend mischten sie sich ins Publikum, aus dem sich ohne weitere Aufforderung rasch mehr und mehr Stimmen dazugesellten.
Volksmusik ist nicht mehr reine Unterhaltungsmusik. Ursprünglich bei Festen oder zum privaten Vergnügen in der Stube dargeboten, ist sie längst in die Konzertsäle eingezogen. Dort ist auch der Platz für Opas Diandl. Denn so schmissig viele ihrer Lieder sind – das Quintett baut mit Tempowechseln und abrupter Lautstärkeänderung verschmitzte Brüche ein. Das taugt nicht für den Tanzboden. Denn dann folgen etwa auf die Passage im Stil eines mittelalterlichen Bänkelliedes eine brüchig-sanft gezupfte Raffele (ein Vorläufer der Zither) oder ein kontemplativer Dreiklang. Auch beim umgekehrten Weg – dem schlagartigen Wechsel von absolut zurückgenommen Passagen zu schon beinahe lärmig-intensiven – verfehlen Opas Diandl die wohlkalkulierte Wirkung nicht.
Ob Markus Prieth meist etwas fahrige Ansagen kalkuliert sind oder eher unfreiwillig dadaistischen Charakter haben, ist nicht auszumachen. Doch augenscheinlich hat er seine Ansagen nicht vorbereitet, mit seinen erzählerischen Volten überrascht er gelegentlich sogar seine Mitspieler. Prieths fast schon kabarettistisch wirkende Einlagen sind genauso amüsant wie die Zweckentfremdung von Alltagsgegenständen für die Musik. So setzen Opas Diandl zur Löffelperkussion eine Kuchenform ein, und schaffen bei einem anderen Stück mit einem Spinnrad die perkussive Grundlage. Dagegen nimmt sich die Kombination von Viola da Gamba und dem noch recht jungen Hang (ein vor gut zehn Jahren in der Schweiz entwickeltes Perkussionsinstrument) schon beinahe konventionell aus. Derlei Kombinationen bringen Opas Diandl nicht nur als Gag, sondern mit dem Willen zum originellen Ausdruck, mit dem sie auch Oud und Rahmentrommel – beide keineswegs so virtuos gespielt wie im Orient – integrieren. Trotz subtiler Töne und ergreifend-sanfter Melodien überzeugen die Südtiroler nicht mit feinsinnigem Spiel, sondern vielmehr mit ihrem beherzten Einsatz. [noi]
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