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[ << | Inhalt | >> ]Ausgabe #709 vom 02.05.2011
Rubrik Feature

People, Places and Memories: Interview mit Marianne Dissard

Eine Französin im wilden Westen – kann das gut gutgehen?
Natürlich, wie das famose Debüt "L'Entrdeux" der Sängerin Marianne Dissard, produziert von Joey Burns (Calexico), vor drei Jahren zweifelsfrei bewiesen hat. Für Ihre neue CD "L'Abandon" [dt.: Aufgabe, Verzicht] hat Marianne Dissard, früher auch als Filmregisseurin tätig, ihren verführerischen Mix von Chanson und Rock, angereichert mit Jazz und Rhythm & Blues, in Kooperation mit dem italienischen Komponisten Christian Ravaglioli, nochmals verfeinert. In einer kurzen Tour-Pause in Freiburg gab Marianne Dissard per E-Mail Robert Fischer Auskunft über die komplexen Hintergründe der Songs auf ihrem neuen Album, ihre Vorliebe für alte Western und warum sie aus Ihrer neuen Heimatstadt Tucson, Arizona eigentlich gar nicht mehr weg will.

Robert Fischer: Was sind die Hauptthemen auf deinem neuen Album "L'Abandon"?

Marianne Dissard: Ich habe das neue Album aus einer 'europäischen' Perspektive geschrieben. Zu dieser Zeit war ich viel in Europa auf Tour und die Lieder, die ich schrieb, waren, wenn sie nicht über Europa waren, zumindest in Europa verwurzelt und haben viel mit seiner Geschichte zu tun. Aber das ist erst der Anfang, das nächste Album wird dieses Thema von Geschichte und Orten noch weiter entwickeln. Für jetzt ist "L'Abandon" ein Album der Suche und der Sehnsucht nach aufrichtiger Verbindung zu Menschen, Plätzen und Erinnerungen.

Du hast für das neue Album eng mit dem italienischen Komponisten und Ennio Morricone-Schüler Christian Ravaglioli zusammengearbeitet. Wie habt ihr euch kennengelernt und was war sein Beitrag zu "L'Abandon"?

Marianne Dissard: Christian Ravaglioli habe ich im Frühjahr 2009 in Tucson getroffen. Er war zu Aufnahmen für ein Album in Tucson. Gleich nachdem wir uns kennengelernt haben, haben wir unsere Zusammenarbeit gestartet. Er hat alle Songs für das neue Album komponiert, mit der Ausnahme von "Almas Perversas", das ich begann und er zu Ende gebracht hat. Er war dann auch bei den Aufnahmen zum neuen Album in Tucson dabei, und hat Klavier, Keyboards und Oboe gespielt. [Anm.: Daneben sind auf "L'Abandon" noch die Musiker Luke Doucet, Arthur Vint, Connor Gallaher, Sergio Mendoza, Brian Lopez und Thøger Lund zu hören.]

Du stammst aus Frankreich, lebst aber schon länger in Tucson, Arizona. Ich habe gehört, dass der Song "The One And Only" sich um Tucson dreht. Was magst du besonders an Tucson?

Marianne Dissard: Ich lebe schon seit vielen Jahren in Tucson. Der Ort ist mir ans Herz gewachsen, ist meine Heimat. Ich wohne 'downtown' innerhalb der künstlerischen Community von Musikern und Literaten. Andrerseits beschäftigt es mich, dass Tucson ein Ort voller Kampf ist, und ein Ort von Rebellen, von Einzelgängern und Menschen, die Ihre eigene Art zu leben haben. Es ist immer noch der 'Wilde Westen' mit Gewalttätigkeit und Waffen, und Leuten die dort herumlaufen, die NICHT der Meinung sind, dass wir im Leben auf dieser Erde alle zusammengehören, egal ob wir Menschen, Tiere oder Pflanzen sind. Tucson ist ein Ort der 'Community' und der Kontraste. Tucson ist auf eine Art sehr kompliziert, andrerseits wieder sehr einfach.

Um was geht es in dem Song "La Peau du Lait?"

Marianne Dissard: Ich schrieb "La Peau du Lait" nachdem ich eine Sendung im französischen Radio gehört hatte. Darin sprach ein französischer Autor über seine frühesten Erinnerungen an seine Kindheit in Frankreich. Der Ton seiner Aussagen war sehr nostalgisch, und er sprach über Dinge, die sehr, sehr ur-typisch französisch sind. Gleich danach kam im Radio Präsident Sarkozy und eine Rede über Sicherheit und Angst und warum wir die Ghettos säubern sollten. Mir wurde bewusst, dass ich da im französischen Radio genau die gleichen Propaganda-Techniken hörte, die ich aus den USA schon seit Jahren kenne, vor allem seit 9/11. Zuerst werden die Leute mit einer Sehnsucht nach Sicherheit und mythischen Kindheits-Erinnerungen gefüttert, und dann mit Angst in die Gehorsamkeit getrieben. Ich habe den Text anhand eines französischen Kinder-Reims geschrieben und es hat sich dann zu einem lustigen, komplexen Wechselspiel von Bildern über mittelalterliche Folter und lustigen Reimen entwickelt.

Auf deiner neuen CD ist auch ein tolles Duett mit Brian Lopez: "Neige Romain". Stimmt es, dass dieser Song quasi eine Bearbeitung des Titel-Lieds des berühmten Western "High Noon" ist? Ist "High Noon" einer deiner Lieblingsfilme?

Marianne Dissard: Ich bin damit aufgewachsen, Western anzuschauen. "High Noon" ist nicht unbedingt mein Favorit, ich mag lieber die dunkleren, schrägeren Western von Sam Peckinpah oder Alex Cox, aber die berühmte Titel-Melodie von "High Noon" hat gut mit der Idee von Verpflichtung und Heirat, von Liebe und dem 'Western'-Land harmoniert. Die Melodie ist auch ein Ohrwurm, und ich werde niemals vergessen, als ich das Lied als kleines Kind zum ersten Mal hörte, auf einer Kassette, die mein Vater von einem Trip nach Arizona mitgebracht hatte.

Vor deiner musikalischen Karriere warst du ja lange Jahre Regisseurin. Was sind in punkto Film deine Favoriten?

Marianne Dissard: Ja, ich habe das studiert und Filme machen war jahrelang meine Profession. Ich mag 'Art'-Filme. Meine Lieblingsregisseure sind Jon Jost, Lodge Kerrigan, Stanley Kubrick, Alex Cox. Eigentlich mag ich fast jede Art von Film, aber derzeit komme ich nur selten ins Kino. Gestern, an unserem 'Off-Day' auf der Tour, war ich mit meiner kompletten Band im Kino bei "The King's Speech". Das ist meiner Meinung nach kein besonders großartiger Film, aber ich bin wie gesagt froh, wenn ich derzeit überhaupt ins Kino komme.
Ich kann auch sofort zu heulen anfangen, wenn ich in einem Mainstream-Film die schmalzigen Violinen höre. Aktuelle filme sehe ich meistens im Flugzeug, wenn ich den Atlantik überquere. Aber mein Herz gehört immer noch den dunklen, schrägen und 'schwierigen' Filmen und die inspirieren mich auch sehr, wenn ich Songs schreibe und die visualisiere. Es gibt zum neuen Album einen dazugehörigen Film namens "Lonesome Cowgirls", für den ich Regie geführt habe und indem ich auch selbst mitspiele. Es ist ein Remake von dem Western "Lonesome Cowboys", den Andy Warhol 1968 in Tucson gemacht hat. Dieser Film ist ein alter Favorit von mir. Mein Remake ist genauso schräg und verrückt und lustig wie das Original. Ich war auch sehr glücklich, dass ich da das erste Mal als Schauspielerin vor die Kamera treten konnte. Es war absolut befreiend, den Part von einem quasi Verrückten zu spielen, den im Original der Warhol Star Taylors Mead dargestellt hat.

Seit der Veröffentlichung deiner Debut-CD "L' Entrdeux" (2008) warst du sehr aktiv. Du warst quasi non-stop auf Tour sowohl in Europa als auch anderen Teilen der Welt und hast mit vielen berühmten Kollegen im Studio oder live zusammengearbeitet. Wo würdest du sagen, hast du in dieser Zeit am meisten dazugelernt?

Marianne Dissard: Ich habe in den letzten Jahren sehr viel gelernt. Ich habe ein Album selbst produziert. Ich habe meinen ersten 'Fiction'-Film fertig gestellt. Ich habe sehr viel getourt und gelernt, eine gute Performerin auf der Bühne zu sein. Das hat Spaß gemacht, ich konnte vieles loslassen. Ich habe viele Ängste und Schmerzen verloren. Ich bin vieles losgeworden, das ich in meinem Leben nicht mehr brauchte.

Wie schon weiter oben erwähnt, warst du sehr viel Tour. Gib es ein Konzert, an das du dich besonders gerne erinnerst?

Marianne Dissard: Meine Lieblings-Konzerte sind die, wo ich eine Art 'breakthrough' habe und etwas Neues lerne. Die, wo ich loslasse, aufgebe und durch das Lied einen neuen Weg lerne, es zu singen bzw. zu performen. Das kann genauso bei einem Konzert zuhause in Tucson passieren oder irgendwo 'on the road'. Ist das nicht ein bisschen wie Sex? Man kann nicht immer damit rechnen, dass man großartigen Sex haben wird, aber wenn es dann passiert, ist es passiert und du hast die richtigen Bewegungen an der richtigen Stelle gemacht. Das muss aber nicht immer das Beste für die andere Person sein. Genauso ist es für das Publikum oder die Musiker. Ich kann mich gut an die Shows erinnern, bei denen ich meine Stimme verlor oder mich zu Beginn der Show zu schwach fühlte, aufzutreten. Die bleiben einem länger im Gedächtnis, als die, wo alles glatt gegangen ist. Ich vermute, ich bin ein Perfektionist oder besser gesagt, ein Workaholic. Mir ist es lieber zu lernen, als mich auf dem auszuruhen, was ich schon kann.

Du hast 2010 eine 'download only' Gratis-CD namens "Paris One Takes" veröffentlicht. Wie kam es dazu?

Marianne Dissard: Das ist bei einer der letzten Europa-Touren entstanden. Wir hatten jeden Abend eine Show, ohne Pause, die Band war toll eingespielt, hatte einen tollen Sound. So beschlossen wir, an unserem einzigen 'Off-Day' der Tour in ein Paris in ein Studio zu gehen, um den Sound, den wir uns erarbeitet hatten, zu dokumentieren. Wir haben an einem Nachmittag, innerhalb einiger Stunden 17 Songs aufgenommen. Die Aufnahmen haben die Intensität einer Live-Show, aber ohne die Defekte und Fehler einer typischen Live-Aufnahme. Es ist das Beste aus den beiden Welten Studio & Live. Ich habe mich dann entschlossen, das Album als Gratis-Download zu veröffentlichen, quasi als kleiner Dank an all jene, die Musik unterstützten, meine Alben kaufen oder zu meinen Live-Shows kommen. Wir werden das übrigens auf dieser Tour wiederholen, diesmal in Berlin, das sind dann natürlich die "Berlin One Takes"!

Welche drei persönlichen Gegenstände hast du immer dabei, wenn du auf Tour gehst?

Marianne Dissard: Yoga-Matte, Computer und mein Mikrofon. [rf]


URL: http://schallplattenmann.de/a119535


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