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[ << | Inhalt | >> ]Ausgabe #710 vom 16.05.2011
Rubrik Feature

Tales Of Subliming: Interview mit Zulya

»gute Musik abseits des Mainstreams«

Die russische Sängerin Zulya, ursprünglich in Russland in der Heimat der Tartaren zuhause, lebt seit 1991 in Australien lebt und feiert mit ihrer Musik internationale Erfolge. Ende 2010 kam Zulya wieder für einige Konzerte nach Europa. Gemeinsam mit ihrer Band präsentierte Zulya Songs aus dem aktuellen Album "Tales Of Subliming". Beim Konzert im Wiener Porgy & Bess faszinierte die Sängerin mit ihrer schönen und wandlungsfähigen Stimme und mitreißenden Songs, die wie ein perfekter Mix aus Ihren russischen 'roots' und modernen Einflüssen daherkommen. Am Tag nach dem Konzert ergab sich die Möglichkeit für ein kurzes Interview mit der Sängerin, die zum Treffen im Rathauspark auch ihre kleine Tochter mitbrachte.

Robert Fischer: Warst du mit dem Konzert im Porgy & Bess zufrieden?

Zulya: Klar, auf jeden Fall, aber es war nicht so leicht für mich und Andrew [Tanner, Bassist und gleichzeitig Lebensgefährte], denn die Show gestern war die Premiere für zwei neue Bandmitglieder. Deswegen haben wir uns noch ein wenig unsicher gefühlt. Momentan ist das einfach so, dass wir ab und zu neue Band-Mitglieder haben, weil es einfach zu teuer ist, für Konzerte in Europa meine Band aus Australien einzufliegen.

Sprechen wir über deine neue CD "Tales Of Subliming". Du hast im Konzert erzählt, dass sich das Album nicht unbedingt um Märchen dreht, sondern um einzelne Personen aus diesen Märchen. Kannst du das genauer erklären?

Zulya: Ich interessiere mich schon länger für die Märchen-Interpretationen des Schweizer Psychiaters C.G. Jung. Ein Kind versteht ja meistens die tiefere Bedeutung der Märchen nicht. Für ein Kind ist ein Märchen natürlich zuerst einmal unterhaltsam, vielleicht auch ein wenig schaurig, und wenn du dann einmal erwachsen bist, nimmst du die Märchen sowieso nicht mehr ernst. Wenn man aber diesen Blickwinkel ändert und die Märchen als Erwachsener aus einer bestimmten Perspektive betrachtet, haben sie uns viel zu sagen.

Was meinst du damit konkret?

Zulya: Alles im Märchen hat eine bestimmte Bedeutung. Meistens geht es um den Weg, den der Held des Märchens gehen muss, der gleichzeitig unseren eigenen Lebensweg symbolisiert.
Ich fand es sehr faszinierend, die Märchen von diesem Standpunkt aus zu lesen. Trotzdem lernen Kinder, auch wenn sie den tieferen Sinn vielleicht nicht verstehen, unbewusst sehr viel von den Märchen. Früher gab es auch selten ein Happy End, weil wir aus Märchen so viele verschieden Dinge lernen sollen, nicht nur ein Happy End. Das würde quasi im Gegensatz zum Sinn der Märchen stehen. Später wurden viele Märchen-Enden zum Positiven verändert, um die Kinder nicht zu traumatisieren. Das "Rotkäppchen" beispielsweise wurde im Original einfach aufgefressen und dann war die Geschichte aus!
Ich habe mich mit dem Thema jedenfalls schon länger beschäftigt und dann entschieden, über die weiblichen Figuren aus manchen Märchen Songs zu schreiben. Natürlich ist das keine seriöse, wissenschaftliche Arbeit, es sind einfach kleine Geschichten, zu denen ich von den Märchen inspiriert wurde.

Kannst du jetzt noch mehr über den Hintergrund zu zwei Songs deiner Wahl von "Tales Of Subliming" erzählen?

Zulya: Gerne! Also z.B. "The Ropemaker's Daughter" [basierend auf dem "Märchen von einem, der auszog das Fürchten zu lernen" der Gebrüder Grimm]. Da habe ich ja schon beim Konzert darüber gesprochen, manchmal werde ich da missverstanden. Die Leute glauben, das ist über eine Art schräge Beziehung, aber in Wahrheit geht es um die Beziehung zwischen einem menschlichen Wesen und dem Tod! Die Tochter des 'ropemaker's' ist der Strick und weil ein Mann die Tochter [bzw. den Strick, der zum Erhängen verwendet wird] heiraten möchte, ist er dem Tod geweiht. Der Song ist von ihrem Standpunkt aus gesungen, so auf die Art: Was schaut für den Strick dabei heraus? Immerhin verspricht sie dem Bräutigam, dass er mit ihr das Fliegen lernen kann. Ich fand das sehr interessant und faszinierend, und war überzeugt, dass man da ein einen tollen Song daraus machen kann.
Auch den Song "He Fell So Deep" mag ich sehr gerne. Das ist die Geschichte "Die Schneekönigin" [ein Märchen von Hans Christian Andersen]. Kay ist ein kleiner Junge, der von der Schönheit der Schneekönigin fasziniert ist. Das Lied wurde inspiriert von einer Freundin von mir und ihrem Partner, der drogensüchtig war. Es geht also darum, dass jemand von einer übermächtigen Kraft angezogen ist, die viel stärker ist als er selbst. Auf viele verschiede Arten gibt es Dinge, die uns einfach überwältigen. Genauso wie Kay im Märchen von der Schönheit der Schneekönigin überwältigt ist.

Bist du auch der Meinung, dass die derzeitige Mode jedes berühmte Kinderbuch zu verfilmen, die Fantasie der Kinder eher einschränkt? Früher musste man sich beim Lesen alles selbst vorstellen, jetzt übernimmt das zumeist der Film zum Buch.

Zulya: Ja, genau. Zum Beispiel "Alice im Wunderland" von Tim Burton finde ich schrecklich, ich habe den Film auf meinem Flug nach Europa gesehen. Ich hätte gedacht, dass Tim Burton zu Besserem fähig ist, aber da habe ich mich wohl geirrt. Er hat die Story gekillt, und da konnten auch Johnny Depp und alle anderen Schauspieler nichts mehr retten.

Bist du in einer sehr musikalischen Familie aufgewachsen?

Zulya: Ja, eigentlich schon. Meine Eltern mochten Volksmusik und haben auch beide gesungen. Es gab in meiner Kindheit viel Musik, und wenn z.B. zum Essen Gäste eingeladen waren, spielte oft jemand mit dem Akkordeon etc. Es gab schon ein paar musikalische Personen in meiner Familie, auch meine Großmutter hat öfters gesungen. Irgendwie war die Musik also immer um mich herum. Trotzdem ist das immer relativ. Wenn ich z.B. meine Tochter ansehe, sie ist auch viel von Musik umgeben, aber zeigt nicht sehr viel Interesse daran. Aber ich habe kein Problem damit. Schauen wir mal, wie sie sich weiter entwickelt.

Ich habe gelesen, du hast schon mit neun Jahren begonnen Musik zu machen bzw. Songs zu schreiben. Stimmt das?

Zulya: Na ja, Songs habe ich damals noch keine geschrieben, aber ich habe schon recht früh zu singen begonnen. Beim Singen war ich recht selbstsicher und auch nicht scheu, ich habe das einfach gerne gemacht. Ich dürfte schon ein wenig Talent gezeigt haben, weil ich dann Klavier- und Gitarre-Stunden nehmen konnte, aber das war eigentlich eher nur zum Spaß.
In der kleinen Stadt, aus der ich komme, war an eine Karriere als Künstler überhaupt nicht zu denken. Ich habe mich dann später mehr auf die Sprachen konzentriert, und da damals bereits meine Schwester an der Universität Sprachen studierte, habe ich das auch gemacht. Dieses Studium hat mich dann später auch ins Ausland gebracht, zuerst in die USA, und dann nach Australien. Erst da habe ich wieder begonnen Musik zu machen.
Irgendwie war das schon eine eigenartige Entwicklung, aber ich glaube, es war insgesamt gesehen gut aus Russland wegzugehen, sonst hätte ich mich nie in so unterschiedliche Richtungen entwickelt. Außerdem ist das jetzt auch für meine Karriere ein gewisser Pluspunkt. Wenn ich in Russland geblieben wäre, hätte dort von meiner Musik vielleicht niemand Notiz genommen. Aber jetzt, da ich in Australien lebe und russisch beeinflusste Musik mache, ist das auch für die Russen doppelt interessant.

Wie gehst du musikalisch an die Songs heran? Wie entstehen die Arrangements?

Zulya: Das ist immer sehr unterschiedlich für jeden Song. Manche Lieder schreibe ich gemeinsam mit den Mitgliedern meiner Band, manche ganze alleine. Wenn dann jemand aus der Band die Musik komponiert hat, verfügt er zumeist über eine sehr klare Vorstellung davon, in welche musikalische Richtung es gehen soll. Bei meinen eigenen Songs gebe ich den Kollegen ein bisschen mehr kreativen Spielraum, obwohl ich meistens schon konkrete Ideen habe, wie z.B. das Gitarrenriff sein soll oder was die Tuba spielen soll etc. Bei den Proben machen wir dann gemeinsam die finale Version daraus. Meistens versuche ich auch eine Art Gesamtkonzept durchzuziehen. Bei "Tales Of Subliming" wollte ich generell einen stärkeren Akzent auf die Blasinstrumente und mehr 'heavy' Gitarre.

Irgendwie ist es ja auch ein bisschen schräg, dass du in deiner Wahlheimat Australien gerade mit deinem Stil so viel Erfolg hast? Hast du eine Erklärung dafür?

Zulya: Schwer zu sagen. Ich habe da irgendwie anscheinend eine musikalische Nische entdeckt. Es gibt in Australien einfach ein Publikum für meine Art von Musik. Das sind Leute, die gute Musik abseits des Mainstreams suchen. Dazu kommt noch ein gewisser Bonus, weil ich aus Russland komme, das ist für Australier sicher etwas sehr Exotisches. Ich glaube, es wirkt sich auch positiv aus, dass ich meine Musik auch modernen Einflüssen öffne und nicht in der Tradition verhaftet bleibe. Für mich ist das, was ich mache, 'moderne australische Musik'! [lacht] Es ist eine Verbindung von all den Einflüssen, die ich in Australien gefunden habe mit meinen russischen 'roots'.
Australien ist halt auch nicht so groß, darum versuche ich möglichst oft nach Europa zu kommen, weil ich weiß, dass es hier ein Publikum für meine Musik gibt. Nur das Reisen ist halt ein wenig mühsam, it's a long way! Derzeit haben wir auch keinen guten Booking-Agenten für Europa, und so einen zwei- bis dreiwöchigen Europa-Trip für eine 5-Personen-Band alleine zu organisieren, ist echt kein Kinderspiel!

Danke für das Gespräch! [rf]


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